Dogwalker – Inside: Das Ding mit dem Erregungsniveau

  • 19. Januar 2017

Heute hatte ich im Gassiservice eine ganz schöne Halli-Galli-Truppe.

Sechs grundverschiedene Hunde:

Eine Jagdsau (DK-Hündin) mit sehr großem Radius, ein halber Jagdhund (Beagle-Mischling) mit Schleppleinenpflicht, eine Herdenschutzhund-Mischling, einen jungen hibbeligen Rüden, eine Hündin, die sich andere Hunde lieber aus der Entfernung ansieht und eine Hündin, die sich aus Ärger gerne raus hält.
Sechs Hunde mit völlig verschiedenen Bedürfnissen.

Dazu liegt derzeit Schnee und es ist kalt – alles in allem sorgt das zusätzlich für erhöhten Bewegungsdrang und etwas mehr Aufregung. Ich habe den Eindruck, auf viele Hunde wirkt Schnee wie Sand auf Ridgebacks. 😀

Die „geordnete“ Fortbewegung war recht schwierig. Sobald wir ein paar Meter gelaufen sind fing einer der bewegungsfreudigeren jungen Hunde an zu rennen und löste damit ruck zuck eine Verfolgungsjagd aus. Am Anfang konnte ich das häufig durch rechtzeitiges „Reinmarkern“ – solange die Hunde noch standen und nur geguckt haben z.B.- auflösen, oder die Hunde konnten es in der Regel selbst auflösen und wurden von mir darin mit Hilfe des Markersignals und Belohnungen (verbal oder mit Keksen) unterstützt.
Wenn zwei Hunde geflitzt sind habe ich die anderen Hunde bei mir beschäftigt, um zu verhindern, dass ein Hund unter die Räder kommt.

Mit zunehmender Dauer des Spaziergangs fiel mir auf, wie die Grundaufregung stieg, die Impulskontrolle bei den Hunden nachließ und die Hunde nicht mehr so leicht ansprechbar waren. Das heißt, sie konnten auf Ansprache mit ihrem Namen kaum noch reagieren sondern oft „nur noch“ ihren Impulsen nachgehen – etwa hinter einem anderen Hund her rennen.

Was bewirkt Erregung beim Hund?

Wenn die Aufregung steigt und steigt – durch äußere (Artgenossen, Wetter, Umgang mit den Hunden, Spiel, etc.) oder innere Einflüsse (Schmerzen, Hormone etc., unangenehme Lernerfahrung mit ähnlichen Situationen) rutscht der Hund vom denkenden Hirn (Vorderhirn) immer weiter ins reflexive Hirn (Hinterhirn). Ist ein Hund im Hinterhirn, kann er auf erlernte Dinge nicht mehr so einfach zugreifen. Signale und Kommandos kommen dann nicht an. Man dringt dann nicht mehr zum Hund durch. Ich bin sicher, das kennt der ein oder andere von euch.

Das sind häufig Situationen, die Eskalationspotential haben. Durch die hohe Erregung überhören die Hunde nicht nur uns Menschen, sondern übersehen häufig auch die Signale, die ihnen die anderen Hunde senden. Das führt oft zu Streitereien.

Rennspiele

Gerade Rennspiele bieten einiges an Potential für Eskalation. Rennspiele kippen oft und aus dem Spiel wird “Hetzen von Beute”. Sehe ich dass sich der Gejagten nicht mehr wohl fühlt, unterbreche ich das freundlich. Wenn der Jäger auf seinen Namen nicht mehr reagieren kann weiß ich, er ist nicht mehr im denkenden Hirn.

Dann versuche ich über ein Entspannungssignal an ihn heran zu kommen. Oft reicht schon, wenn der Jäger kurz langsamer wird um die Sequenz zu beenden und den Hunden die Möglichkeit zu geben, sich mit etwas anderem zu beschäftigen.
Anschließend gibt es noch ein Namenspiel oder wir üben Sitz um zu sehen, ob auch alle wieder im denkenden Hirn unterwegs sind.

Mit einem einzelnen Hund hat man sehr viele Möglichkeiten, ihn unterwegs zu entspannen und muss nicht immer zwingend auf Futter zurück greifen.

Je aufgeregter die Hunde sind, desto häufiger mache ich solche Pausen. Das ist für die Hunde ganz schön anstrengend – immer wieder ein Wechsel zwischen steigender Aufregung und wieder runterkommen.

Erregung ist nicht immer schlecht

Aufregung/Erregung ist natürlich nicht per se schlecht. Dr. Ute Blaschke-Berthold erinnerte in einem Vortrag einmal daran, dass auch die schönsten Dinge, die richtig Spaß machen, hohe Erregung erfordern – auch bei Menschen. 😉
Erregung ist für Leistung erforderlich und steigert die Leistungsbereitschaft.

Umgekehrt ist jedoch – vor allem wenn es um problematisches Verhalten geht – ohne die Möglichkeit der Entspannung die erfolgreiche Bearbeitung von Verhaltensauffälligkeiten unwahrscheinlich.
Wann tun Hunde Dinge, die wir als Problemverhalten einstufen? Wenn sie z.B. einen anderen Hund fixieren, an der Leine toben, jagen gehen, an der Leine ziehen, aggressiv gegen Artgenossen reagieren. Wenn Hunde also bereits in der Situation sind, dass sie problematisches Verhalten zeigen, befinden sie sich in der Regel im Hinterhirn und können in dieser Situation nichts Sinnvolles mehr lernen.

Es gibt für jeden Hund individuelle Möglichkeiten, ihn zu entspannen. Langfristig oder kurzfristig, direkte oder indirekte Entspannung.

Das sind häufig die ersten Schritte, wenn es um die Bearbeitung von problematischem Verhalten geht. Auch wenn viele Leute erst mal denken „Weshalb soll ich meinen Hund jetzt entspannen, was hat das damit zu tun dass er alle Hunde fressen will?“.
Entspannung ist der erste Schritt, um dem Hund zu anderem, alternativ erlerntem Verhalten zu verhelfen.

Stillhalten = Entspannung?

Bitte versteht unter „Hund entspannen“ nicht, euren Hund auf die Seite zu legen und solange festzuhalten , bis er sich nicht mehr wehrt. Das hat mit Entspannung genau gar nichts zu tun. Entspannung ist für Hunde IMMER angenehm und ohne Zwang.

In diesem Sinne, entspannt euch und eure Hunde! Das ist garantiert nie ein Fehler!

Dr. Ute Blaschke-Berthold beschreibt in einem Gastbeitrag hier die Stellung von Entspannung im Training und reißt die grundlegenden Trainingsmöglichkeiten zur Entspannung an:
http://www.easy-dogs.net/home/blog/training/gastautor/dr_ute_blaschke_berthold/konditionierte_entspannung/entspannung_grundlagen.html

Bei mir im Training arbeiten wir ebenfalls mit den Möglichkeiten der Entspannung und gehen dabei auf die jeweilige Situation von euch und eurem Hund ein.

Wenn ihr Unterstützung benötigt lasst es mich wissen und wir erarbeiten im Rahmen eines individuellen Einzeltrainings einen umsetzbaren Plan.